RUNNING IMO

  • annasasaki9



Die Suche nach einer langfristigen Bleibe in Japan in Form eines Hauses ist selbst in der Provinz kein Zuckerschlecken. Diese Erfahrung mussten auch meine Familie und ich machen.


Da mein Mann über ein staatliches Förderprogramm bei der Stadt angestellt ist, hatten wir vor unserer Übersiedlung nach Japan Hilfe für die Häusersuche zugesichert bekommen. Denn ein Ziel des Programmes ist es, dass sich junge Familien in der Provinz (in unserem Fall Stadt Ishinomaki, Präfektur Miyagi) langfristig ansiedeln. Letztendlich entpuppte sich die Haussuche als Mammutaufgabe und Hilfe erhalten haben wir auch nicht. Gut, dass wir einen so langen Atem hatten.


(Grundriss Haus)




Grundsätzliches zum Mieten von Wohnraum


Auch in Japan wählt man einen Immobilienmakler, um sich die verschiedenen Angebote anzuschauen. Im Internet wird man schnell fündig und kann fix Besichtigungstermine vereinbaren.

Grundrisse werden stets mit Angaben der Maßeinheit "jô" (1 jô = ca. 1,64 m²) pro Zimmer , die Gesamtgröße des Wohnraumes jedoch in Quadratmetern angegeben.

Die Mietkosten sind etwas höher als in Deutschland, der Raum geringer. Ein normaler Raum hat meist eine Fläche zwischen ca. 10 - 13 m².

Bei der Vermittlung einer Wohnung werden Provision, Hausreinigung und Kaution fällig, so dass man beim Unterschreiben des Mietvertrages meist die vierfache Summe der Miete zahlt. Die Miete wird stets als Kaltmiete angegeben. Um die Anmeldung von Strom, Wasser und Gas kümmert man sich dann auch hier selbst. Das ist mit einem Anruf bei dem jeweiligen Anbieter und dem Erteilen einer Einzugsermächtigung aber schnell abgewickelt.


Wohnung vs. Haus


Da wir eine mehrköpfige Familie und zudem gerne draußen sind, haben wir nach einem Haus mit Garten Ausschau gehalten. Kein leichtes Unterfangen, wenn es zur Miete sein soll.

Wohnungen haben generell keinen Garten, Häuser auch nur in den seltensten Fällen. Bereits 5 m² Beetfläche werden als Garten angegeben. Das ist natürlich für eine Europäerin sehr befremdlich. 😄

Während doch viele Häuser leer zu stehen scheinen, scheint oft niemand gewillt zu sein, sich um die Bereitstellung und Vermittlung dieser Objekte zu kümmern, so dass sie verwahrlosen. Das ist wirklich bedauernswert, da so die ansprechenden Wohnobjekte verkommen und stattdessen moderne Wohnungsblöcke hochgezogen werden, die für uns aber nicht reizvoll sind.


Bei uns hat die Haussuche letztendlich 1 Jahr gedauert. Dieses 1 Jahr haben wir anfangs bei den Schwiegereltern, später in einer Wohnung gelebt. Seit dem Einzug in unser Haus können die Kinder endlich in Haus und Garten toben. Wir haben Licht, Raum und eine schöne Wohnatmosphäre zum Wohnen - und Leben!



Hier ein Auszug an Häusern, die wir uns angeschaut haben (Aussenansichten):

(Bildergalerie japanische Häuser in der Provinz)


Und hier noch eine Bildergalerie mit ein paar Besonderheiten bei den Besichtigungen (Innenräume):


Ausgelagerte Badewanne, instabiler Boden, Loch im Dach, Feuchtigkeit soweit das Auge reicht, Dunkelheit, Miniatur, erstaunliche Fußbodenlösungen und Stolperfallen...

Ich glaube, ich könnte einen Roman schreiben, was die Wohnraumbesichtigungen hier in Japan angeht. Es gab so herrliche Anekdoten. Vom Umziehen habe ich aber erst einmal genug und freue mich, dass der nächste Umzug wohl erst bei unserer Rückkehr nach Deutschland ansteht. 🙏



39 Ansichten0 Kommentare
  • annasasaki9

Uniform, Anmeldung, Tagesablauf, Ausstattung, Einrichtungsformen... es gibt so Einiges,

mit dem man sich auseinandersetzen muss, wenn man sein Kind in die Betreuung gibt.


Ich möchte einen kleinen Einblick in Japan's Kinderbetreuung bis zum Schulbeginn geben, aus eigener Sicht. Ich finde es spannend, wie sich die Betreuungsformate in den Ländern unserer Welt unterscheiden. Meine große Schwester absolvierte nach dem Abitur ein Praktikum bei einer Kinderkrippe in Paris und erlebte da bereits einen kleinen Kulturschock. Aber nun zu Japan.


Das Kindergartenjahr beginnt im April, so wie auch Schule, Universität und Co. in Japan.

Bewerbung & Anmeldung erfolgen aber bereits im Oktober des Vorjahres. Nachdem ich die Blätterflut an Formularen gesichtet hatte, wurde mir der Grund für die Vorlaufzeit auch klar. Es lebe die Bürokratie!


(Uniformen nach der Wäsche)



Hoikuen vs. Yochien


Grundsätzlich muss man zwei Einrichtungstypen unterscheiden:

Hoikuen 保育園 (Kindertagesstätte/ Kinderhort) und Yochien (Kindergarten) 幼稚園.


Der Hoikuen wird über das MHLW (Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales) verwaltet und nimmt Kinder im Alter von 0 Jahren bis zum Vorschulalter auf.

Der Betreuungsschlüssel sieht so aus:

0-Jährige - 1 ErzieherIn für 3 Kinder / 1-2 Jährige - 1 ErzieherIn für 6 Kinder,

3-Jährige - 1 ErzieherIn für 20 Kinder / 4-Jährige - 1 ErzieherIn für 30 Kinder.


Mein Sohn ist somit in einer Gruppe von 12 Kindern mit 2 Erzieherinnen bestückt und meine Tochter in einer Gruppe von 25 Kindern mit 1 Erzieherin.

Die Basis-Betreuungszeit liegt bei 8 Stunden pro Tag (Montag - Freitag; in unserem Hort auch zusätzlich Samstagvormittag) und kann bei Bedarf verlängert werden. Es gibt keine Sommer- und Winterferien, gesetzliche Feiertage gelten aber natürlich auch hier.

Ein Hoikuen ist dazu verpflichtet, Mittagessen anzubieten.

Die Betreuungskosten für den Hoikuen sind einkommensabhängig und die Bezahlung erfolgt an die Stadt.


Der Yochien dagegen wird vom MEXT (Ministerium für Erziehung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie) verwaltet und es greifen andere Regelungen.

Den Yochien können Kinder im Alter von 3 Jahren bis zum Vorschulalter besuchen.

Der Betreuungsschlüssel sieht hier 1 ErzieherIn pro Gruppe à 35 Kinder vor.

Prinzipiell ist im Yochien nur eine tägliche Betreuungszeit von 4 Stunden (Montag - Freitag) vorgesehen, wobei eine weitere Betreuung gegen Aufpreis möglich ist. Sommer- und Winterferien sind Schließzeiten.

Mittagessen ist im Yochien optional (Eltern müssen meist ein Lunchpaket mitgeben). Die Betreuungskosten werden pauschal von der Einrichtung selbst aufgestellt und müssen von den Eltern auch direkt an sie entrichtet werden. Fördergelder für einkommensschwache Familien sind möglich.


Die Modelle unterscheiden sich also maßgeblich und für berufstätige Eltern ist der Hoikuen eindeutig die realistischere Wahl. Ich habe jedoch bereits mehrfach gehört, dass Betreuung und Programm im Yochien etwas individueller ablaufen und den Kindern mehr Freiheit bieten. Außerdem haben die Yochien-Kinder meist eine schicke Uniform und einen Kindergartenbus zum Pendeln.


In Deutschland ist unsere Tochter anfangs in eine Tagespflege gegangen, später in die Waldgruppe eines Naturkindergartens. Feuer machen und Schnitzen ist jetzt erst einmal passé. Unsere Kinder besuchen nun einen Hoikuen (Kindertagesstätte/ Kinderhort).


Anfangs wird man mit einem detaillierten Katalog 入園のしおり von der Kita ausgestattet, der auch ausführlichst studiert werden muss. Von den pädagogischen Grundlagen über das Jahresprogramm oder Parkregelungen bis hin zur Ausstattung aller Kinder.



Vorbereitung ist alles


Die erste große Herausforderung war für mich persönlich eindeutig die Vorbereitung. Die Liste an Dingen, mit denen die Kinder ausgestattet werden müssen, ist so lang, dass ich wirklich staunen musste. Größtenteils mussten die Dinge neu gekauft (Equipment sollte im Format einheitlich sein) und auch einiges selbst genäht werden. Natürlich kann man auch geschmacklose Beutel mit den Standard-Charakteren von Disney & Co. fertig kaufen, dann kann man sich die Nähaktion sparen. Ich nähe jedoch gerne und hatte Freude daran.


Hier ein kurzer Abriss über das Equipment:

- Rucksack mit Besteckset, Zahnputzset, Handtuch, Trinkflasche, Stofftaschentuch,

gegebenenfalls Windeln und Lätzchen (Stoffbeutel für alles)

- Wechselkleidung, Indoor-Schuhe, Plastikbeutel, Feuchttücher, Tissueboxen,

Vinylhandschuhe, Putzlappen

- Pyjama, Matratze, Matratzenauflage, Decke (Stoffbeutel für alles)

Über die Kita zu bestellen:

- Uniform (kurze und lange Hosen, Kurzarmshirt und Langarmshirt, Kittel)

- Sonnenhut, Transporttasche, Kontaktbuch, Kopfschutzkissen, Box mit Knete,

Zeichenblöcke, Stifte, Kreide, Kleber, Schere, Mappe, Springseil)


Alle Utensilien (jeder einzelne Stift!) müssen mit Vor- und Nachnamen des Kindes beschriftet werden. An den vorgesehenen Stellen. In diesem Hort gibt es garantiert keine Streitigkeiten zum Thema "Das ist aber meins!" und ich kann jetzt Schönschrift.😊


(Ausstattung für die Kita; Katalog mit Vorgaben)



Der Tagesablauf in unserer KiTa ist wie folgt:

🕘 (Bringzeit bis 9 Uhr; die erste Zeit gilt für die Kleinen, daher früher)

9:00 Morgenkreis

Snack für bis 3-Jährige (meist Reiscracker)

Beschäftigung nach Programm

Händewaschen, Gurgeln

11:00 / 11:30 Mittagessen

Zähneputzen, Umziehen

12:30 / 13:00 Mittagschlaf

15:00 Aufstehen, Umziehen

Händewaschen, Gurgeln

Nachmittagssnack (meist Reiscracker und Saft/ Milch/ Sojadrink)

Abschiedskreis

16:00 Freies Spiel


Der Hort ist von 7 bis 19 Uhr geöffnet, Kernzeiten sind aber 8:30 bis 16:30 Uhr.

Das mehrmalige Händewaschen und Gurgeln ist zum Piepen, nicht? In Corona-Zeiten auch nochmal begrüßenswert.


Die Beschäftigungen weichen von den regulären deutschen Kindertagesstätten nicht groß ab. Kinder dürfen Kinder sein und das Spielen und Lernen steht an erster Stelle. Es wird immer mal wieder gekocht oder gegärtnert, getobt und gebastelt. Wenn ich den Hort betrete, finde ich es immer sehr laut, da die Räumlichkeiten (nach deutschen Maßstäben) sehr klein sind, aber um so mehr kann ich den manchmal etwas militärisch wirkenden Drill nachvollziehen. Es gibt einen Außenbereich mit Spiel- und Klettergeräten, Sandkasten, Matschkasten, Sportplatz, Beete (die von den Kindern mit bewirtschaftet werden) und auch einen kleinen Baumbestand.


Das Mittagessen 給食 bietet täglich wechselnde Gerichte und besteht stets aus

Reis (von zu Hause mitgebracht), einer Hauptspeise (Fisch oder Fleisch), Suppe, Salat und Dessert. Das Essen wird in der internen Küche zubereitet und von den Kindern im Wechsel お当番さん verteilt und abgeräumt. Meine Tochter hat diesen Dienst sehr gerne und putzt danach auch noch mit ihrem Team den Gruppenraum. Es sind immer drei "diensthabende" Kinder und sie scheinen ihre Aufgabe mit Gewissenhaftigkeit und Freude zu erfüllen.


Bevor die Kleinsten das Mittagessen komplett gereicht bekommen, müssen die Eltern die "Mampfliste" もぐもぐ表 abarbeiten. Es handelt sich um eine äußerst umfangreiche Liste, die die Beikost des eigenen Kindes dokumentiert. Man muss dann die einzelnen Sparten (Nudelsorten, Öle, Getreide, Bohnensorten, Wurzelgemüse, Nüsse, Fischarten, Gewürze, Algen, Fleisch, Eier, Milchprodukte, Gemüse, Obst, Süßigkeiten, Getränke) mit Datum versehen abhaken. Ich muss zugeben, dass ich dies doch etwas lockerer gehandhabt habe. Schon allein aus den Gründen, dass ich keine Leber kochen möchte oder gewisse Süßigkeiten nicht im Haus haben will.


Feste im Laufe des Kitajahres sind z.B. die Eintrittsfeier, Kindertag, Sternenfest, Sommerfest, Sportfest, Weihnachtsfeier, Neujahrsfeier, Puppenfest, Abschlussfeier... In diesem Jahr ist jedoch durch COVID-19 jegliche Veranstaltung abgesagt worden.


Was ich als sehr schön empfinde ist die Art und Weise der Gestaltung der Bastelprojekte. Da liegt Japan einfach ganz weit vorn. Zum Mutter- und Vatertag gibt es nette Werke der Kinder und auch zum "Tag der Ehrerbietung der Alten" werden die Großeltern beschenkt. Das wird wirklich sehr mit Liebe zum Detail gemacht.


(Basteln und Malen im japanischen Hort)



Im Hort wird großen Wert auf die Kommunikation zwischen Einrichtung und Eltern gelegt.

Es gibt ein, ich nenne es "Kontaktbuch", das von den Kindern täglich mitgeführt wird.

Für unseren jüngeren Sohn wird täglich ein Eintrag mit folgenden Angaben gefordert: Allgemeinzustand Kind, Körpertemperatur, Schlaf- und Aufstehzeit, Zeit und Zustand Stuhlgang am Morgen, Zeit und Inhalt Frühstück, Nachricht über Aktivität oder aktuelle Fragen/ Erlerntes/ Probleme. Dasselbe wird dann von der Bezugserzieherin auch ausgefüllt. Jeden Tag. Bei meiner älteren Tochter gibt es nur bedarfsweise Einträge und sonst lediglich einen Sticker, der bei Ankunft im Hort selbst eingeklebt wird. So weiß man immer was los ist, hat aber doch immer an den Eintrag zu denken. 🤓

Jeden Monat erhalten wir von der jeweiligen Bezugserzieherin einen Elternbrief, der über die Aktivitäten der Gruppe im vergangenen Monat berichtet und auf Kommendes hinweist.

Es wird sich liebevoll gekümmert und das braucht das Mutterherz. Auch die Uniformen sind mit Namen auf der Brust versehen, so dass alle ErzieherInnen des Horts die Kinder mit Namen ansprechen und grüßen.


Was sicherlich "japanisch" für die Kinder und mich ist, ist das monatliche Katastrophentraining. Da es in Japan sehr häufig Erdbeben und Taifune gibt, werden die Auseinandersetzung und der Umgang mit Ausnahmesituationen geschult und trainiert. Alle Kinder haben deshalb auch für den Notfall ein Kopfschutzkissen.

Meine Kinder sind eindeutig gelassener als ich selbst, wenn die Erde bebt. Vielleicht sollte ich mich auch mal heimlich in das Training mit hineinschmuggeln.


Was noch neu für uns war ist die Uniform. Das ist in anderen Hoikuen nicht gang und gäbe. Sie besteht aus Hose und Shirt, kurz oder lang je nach Jahreszeit. Gehalten ist sie in grün-weiß. Größtenteils leider aus Polyester. Ich musste mich wirklich an diesen Dresscode gewöhnen und anfangs den Kopf schütteln. Mittlerweile erscheint mir die Uniform in ihrem Retro-Design schon etwas fancy und es ist praktisch, nicht so viel weitere Kleidung für die Kinder zu benötigen. Denn in der Woche steht das Outfit ja fest. Umso mehr freut sich meine Tochter darauf, am Wochenende einfach ein Kleid zu tragen oder auch in ihr Ballerina- oder Ninjakostüm zu schlüpfen.


(Uniform und Ninja-Kostüm)



Meine Kinder gehen liebend gern in ihre Kita - meine Tochter in die Apfel-Gruppe, mein Sohn zu den Clementinen. Und wenn ich sie abhole kommen sie mir freudestrahlend entgegen gelaufen. Ich denke so sollte das sein.












36 Ansichten0 Kommentare
  • annasasaki9


Meine bisherigen Schwangerschaften habe ich in Deutschland erlebt. Diese Erfahrung nun erneut, nur eben in Japan, machen zu dürfen, eröffnet mir noch einmal ganz andere Perspektiven. Ich muss gleich sagen, dass ich persönlich die Schwangerenbetreuung in Japan als sehr anders als in Deutschland empfinde. Aber das macht den Reiz des Lebens im Auslands wahrscheinlich auch aus und sorgt letztendlich für ein breites Erfahrungsspektrum.



(Rosa ist die Farbe der Stunde)



Bei meinem Gynäkologen ist die Praxis vorwiegend in zarten Rosatönen gehalten. Vom Slipper bis zum Untersuchungsvorhang. Außerdem läuft neben dem Fernseher im Wartezimmer noch Spieluhr - Musik. Das kenne ich sonst auch vom Kinderarzt (dort tragen die Schwestern sogar rosafarbene Kittel, Schuhe und Häubchen - spitze!!!).

Eine beruhigende Wirkung soll die Musik wohl versprühen. Für mich funktioniert das ganz gut.


Der Beginn läuft sehr ähnlich wie in Deutschland ab. Nachdem man sich über einen positiven Schwangerschaftstest gefreut hat, lässt man sich die Schwangerschaft beim Gynäkologen bestätigen - per Urintest und Ultraschall. Die Kosten trägt man aber zuerst einmal selbst. Das gleiche gilt für mögliche Zusatzuntersuchungen wie Feindiagnostik oder den NIPT - gleich welcher Vorgeschichte.


"Warum sind sie barfuß?" oder "Kennen sie so einen Vorhang etwa nicht?" fragte mich mein Frauenarzt erstaunt. Im Hochsommer empfand ich es als sehr unhygienisch und heiß, in die "Slipper", wie man die Hausschuhe hier nennt, zu schlüpfen. In Japan betritt man nämlich keine Arztpraxis mit Straßenschuhen, sondern wechselt eben in die Slipper. Jetzt wo es kühler wird, kann ich mich auch darauf einlassen - mit Socken. :)

Während man auf dem Untersuchungsstuhl sitzt, sieht man nichts als einen rosafarbenen Vorhang. Keine Chance, dass man mit dem Arzt kommunizieren oder gar die Untersuchung mit den Augen verfolgen könnte. Auch für mich ist eine gynäkologische Untersuchung mit etwas Scham verbunden, schließlich offenbart man sein Geschlecht. Aber sich hinter einem Vorhang zu verstecken erscheint mir doch sehr verklemmt und fehl am Platze.

Bei mir wird nun der Vorhang seit meinem zweiten Besuch zur Seite gelassen, da der Arzt entschieden hat, dass ich es doch so haben sollte, wie ich es gewohnt bin - mit Augenkontakt. Nicht schlecht für einen Gynäkologen der "Alten Schule", wie ich finde!


Anders als in Deutschland erhält man keinen Mutterpass beim Frauenarzt. Nachdem die Schwangerschaft vom Gynäkologen bestätigt wurde, geht man zum Rathaus, um die Schwangerschaft zu melden. Daraufhin erhält man:


- Mutter-Kind-Pass 母子手帳

(entspricht Mutterpass + Untersuchungsheft Kinderarzt + Impfpass; also sehr

kompakt; in Ishinomaki mit Hase Miffy auf dem Cover)

- Couponheft 母子健康手帳別皿

(Couponbögen, die für die regulären Vorsorgeuntersuchungen ab SSW 12

bis zur Untersuchung des Kindes nach 8-9 Lebensmonaten greifen; 1 x kostenlose

Zahnarztuntersuchung)

- Infopakete und Werbung

- ein 50er - Paket Mund-Nasen-Schutzmasken (wir leben in Zeiten von Corona!)


(Mutterpass & Couponheft)



Nach dem Eintritt des 4. Monats, der sogenannten stabilen Phase (安定期) , wurde mir eine rechtzeitige Anmeldung zur Entbindung nahe gelegt. Tatsächlich hat mein Gynäkologe auch eine Entbindungs- und Wochenbettstation über seiner Praxis. Nachdem ich diese jedoch besichtigt hatte, habe ich mich schnell für eine andere Location entschieden. Denn hier ist es wirklich sehr "old school" und damit meine ich nicht nur das Interieur... Eine Schwester zeigte mir netterweise die Wochenbettstation und den Kreißsaal, da ich darauf gebrannt habe. Der Kreißsaal war für mich derart beklemmend, dass ich dort bestimmt einen Wehenstopp bekommen würde. Im Format, sagen wir mal 'sehr komprimiert' und ausgestattet mit feinstem 90er Equipment. Das dortige Gebärbett mit metallischen Fußstützen ist dort leider die einzige Auswahl zur Entbindung und nach der Geburt wird auch kein sofortiger Babykontakt gefördert. Oh weh! Es gibt schon seltsam verzopfte Menschen - dabei ist unser Schädel doch rund?!


Ich habe mich nun für eine Frauenklinik entschieden, in der auch meine Schwägerin entbunden hat. Dort macht es einen weitaus frischeren Eindruck. Und die Klinik ist ganz in der Nähe meiner Schwiegereltern gelegen, von denen ich eingeladen wurde, mich mit dem Neugeborenen nach der Entbindung eine Weile einzunisten. Dies bezeichnet man als 里帰り出産, Geburt in der Heimat.

Gemeint ist, dass man ab der 34. SSW die Untersuchungen im Krankenhaus in der Heimat

absolviert und das Wochenbett im Elternhaus verbringt (in meinem Fall sind die eigenen Eltern nun doch zu weit entfernt). So wird insbesondere die Mutter gepflegt und entlastet. Eine schöne Tradition, wie ich finde. Eine solche Unterstützung ist natürlich gerade auch willkommen, wenn es bereits weitere Kinder gibt - wie in unserem Fall.


Was ich weiterhin als einen sehr schönen Brauch während der Schwangerschaft in Japan empfinde, ist der Schreinbesuch 安産祈願 zum "Beten für eine leichte Geburt". Für unsere bisherigen Kinder haben wir dies mit Hilfe der Schwiegereltern machen können, da wir ja noch in Deutschland gelebt haben. In diesem Jahr konnten wir nun persönlich den Schrein besuchen und die Zeremonie begehen.

Der Schrein liegt im Heimatort meines Mannes und hat eine lange Tradition. Man bereitet einen Umschlag mit 5000 Yen (ca. € 40) vor und füllt eine Anmeldung aus. Umschlag und Anmeldeformular werden dann durch das Personal im Schrein bearbeitet und nach einer kurzen Wartezeit beginnt der Priester mit einer feierlichen Zeremonie. Wir hatten Glück und waren nur mit einem weiteren Elternpaar da, so war alles sehr persönlich. Meine Kinder haben das Zeremoniell auch sehr beeindruckt und geduldig mitverfolgt. Nach dem Ritual erhält man einen personalisierten Beutel mit diversen Glücksbringern, die dann im Laufe der Schwangerschaft und beim Einsetzen der Wehen verwendet werden können. Ich mag so etwas, selbst wenn ich mich nicht als besonders spirituell bezeichnen würde.


(Schreinbesuch für eine "leichte Geburt")



Hebammenbetreuung wie in Deutschland gibt es hier in Japan nicht. In Deutschland genießt man (bei Bedarf) eine umfassende Betreuung durch eine Hebamme während der gesamten Schwangerschaft bis 12 Wochen nach der Geburt und diese Leistung wird von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Ich finde das ein sehr tolles Angebot und hatte in Berlin auch das Glück, eine wundervolle Hebamme an meiner Seite zu haben. Man muss sich natürlich rechtzeitig darum kümmern, insbesondere, wenn man in einem geburtenreichen Stadtteil lebt. In Ishinomaki besteht dagegen lediglich die Möglichkeit, eine Hebammensprechstunde zu besuchen. Dabei dreht sich jedoch alles nur um die Brust. Es gibt auch die Möglichkeit, eine Hebamme per Telefon zu kontaktieren. Also eine sehr abgespeckte Variante und ziemlich unpersönlich.


Was die Ernährung während der Schwangerschaft angeht, so empfinde ich Japan als lockerer. Während man in Deutschland doch ziemlich stark darauf verwiesen wird, keine Rohmilch hier, kein roher Fisch da, Salat und Obst kann gefährlich werden, wenn nicht genug gewaschen... So wird man hier in Japan nicht schräg angeschaut, wenn man sich Sushi in den Mund schiebt. Das kommt mir ganz entgegen. Aber grundlegend gilt natürlich auch hier: Nährstoffreich und ausgeglichen essen.


Mein Resümee zur Schwangerschaft in Japan ist, dass man doch ziemlich allein auf sich gestellt ist. Die Ärzte sind noch wortkarger als ich das aus meiner Heimat kenne und nach einem Lächeln während der Untersuchungen suche ich nach wie vor vergeblich. Durch COVID-19 findet keinerlei Schwangerschaftsgymnastik o.ä. statt, so dass man auch mit anderen Schwangeren nicht in Kontakt kommt. Dabei sind die Corona-Fallzahlen mit bisher insgesamt 4 Erkrankten (nicht schwanger; bei einer Bevölkerung von ca. 141 000 Menschen) sehr gering. Zum Glück kann ich durch meine bisherigen Schwangerschaften in Deutschland schon aus einem reichen Erfahrungstopf schöpfen, aber so oder so ist es eben Ausland für mich hier.


In Deutschland mag vieles auf den ersten Blick nüchtern erscheinen, dennoch habe ich einen sehr herzlichen Umgang mit medizinischem Personal in der Schwangerschaft-Entbindung-Nachsorge-Zeit erlebt, mit viel Lachen und Empathie.

An keiner der Stationen hier (Gynäkologe, Rathaus) wurde mir zur Schwangerschaft gratuliert, auch wird für meinen Geschmack viel zu wenig wahrhaft gelächelt. Dabei ist eine Schwangerschaft doch etwas so Positives und mit Lebensenergie und Freude verbunden. Aber Japan ist eben Japan und Deutschland ist Deutschland.


Nun habe ich die Hälfte meiner Schwangerschaft in Japan hinter mir und blicke allen kommenden Abenteuern und Kulturunterschieden mit Neugier entgegen.





90 Ansichten0 Kommentare

© 2020 by Runningimo

  • Black Instagram Icon