RUNNING IMO

  • annasasaki9

Nach dem schwül-heißen Sommer ist nun endlich der Herbst da. Ich genieße die kühleren Temperaturen und die Gelassenheit, die der Himmel zu dieser Jahreszeit ausstrahlt.


In Japan stehen jetzt saisonal folgende Leckereien auf dem Speiseplan:


Esskastanie, Kakifrucht, Gingkonuss, Shimeji(-pilz), Lotoswurzel;

außerdem aus dem Meer: Stint, Makrele, Sardine, Atka-Makrele, Sepia und Pfeilhecht.


Nicht erwähnen muss ich wohl den frischen Reis, der aktuell geerntet wird - dazu werde ich demnächst aber noch einmal explizit einen Post schreiben.


Da ich, im Gegensatz zu Tochter und Mann, keine Leidenschaft für's Angeln hege, spricht mich Kastaniensammeln mehr an. Meine Familie und mich lockt es oft raus und vor kurzer Zeit haben wir einen sehr schönen Ort ganz in der Nähe entdeckt, den wir nun bereits schon zwei Mal aufgesucht haben. Und zwar die Koganeyama Bokujo 黄金山牧場 in Wakuya, ein wahres Kastanienparadies.



(Koganeyamabokujo 黄金山牧場)


Der Kastanienhain liegt etwas versteckt, man muss eine Weile bergauf fahren und gelangt dann in dieses Idyll. Schafe grasen und laden einen zum Besuch ein. Der Eintritt ist kostenlos und man kann sich am Eingang Zange und Körbchen für's Sammeln ausleihen.

Es ist eine weitläufige, hügelige Landschaft mit einem wirklich beeindruckenden Bestand an Kastanienbäumen, es geht bergauf und bergab. Die Kinder können rumflitzen und ich muss schon sagen, dass die Suche ziemlich süchtig macht. Spätestens nach der dritten prallen Frucht war mein Ehrgeiz geweckt! Und die Zangen habe ich auch unterschätzt - waren Kastanien schon immer so derart pieksig? Ich glaube, ich habe zu lange in der Stadt

gelebt ...



Der Kastanienhain bietet eine irre Biodiversität. Überall krabbelt, summt, zwitschert und hüpft es. Ich entdecke sogar Kinder, die extra zum Sammeln von Insekten hergekommen sind. Die Schafe scheinen sich in dem großen Areal sichtlich wohl zu fühlen und grasen was das Zeug hält. Auch wenn ich die ein oder andere meiner gesammelten Kastanien mit dem Ellbogen gegen die flauschigen Vierbeiner verteidigen muss, sind sie kollegial gestimmt. Und am Ende hat die Tochter ihnen eh bestimmt ein Drittel unseres Korbes verfüttert ...

Nach der Kastaniensuche wird der Korb am Ausgang abgewogen und man zahlt 500 Yen pro Kilogramm (umgerechnet gut € 4).


Mir fehlt es in Japan oft an solch naturverbundenen, freien und authentischen Orten. Mit Tieren kommt man (außer im Streichelzoo oder mit dem Hund der Nachbarin) nicht so sehr in Kontakt und die Natur dient meinem Empfinden nach in Japan eher zum Anschauen als zum Erleben. Wie herrlich ist es denn, im Allgäu mit den Kühen bergaufwärts zu wandern?

Ich erinnere mich noch gut an die Kirschblütenschau in Osaka, wo man von den Sicherheitsbeamten weiter geschoben wurde, mit dem Hinweis, doch bitte beim Betrachten der Bäume nicht stehen zu bleiben. Na klar, viele Menschen, wenig Zeit, wenig Muße. Aber es gibt ja auch Orte mit mehr Platz und muss denn immer gleich an Haftung gedacht werden?


Wir sind auf jeden Fall dankbar für die nette Zeit inmitten von Kastanien und Schafen.

Und nun werden die Maroni nach und nach verspeist - geröstet, gekocht ... Köstlich! Der Herbst ist da und wir werden uns durch sämtliche Leckereien futtern. Vielleicht gehe ich ja doch auch noch einmal mit angeln.







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  • annasasaki9

Neulich hatte ich ein sehr befremdliches Gefühl. Ich war Lebensmittel einkaufen in einem Supermarkt. Gleich am Eingang waren Konserven mit Walfleisch aufgetürmt. Walfleisch???

235 g Walfleisch, gewürzt mit Zucker, Ingwer und Sojasauce. Für 360 Yen (ca. € 2,90). Das hat in meiner deutschen Brust viel Unmut ausgelöst und ich musste dieses Gefühl erst einmal sacken lassen.


(Konserven mit Walfleisch im Supermarkt)


Japan wird schon lange für seinen Walfang international kritisch beäugt, da es nach eigenen Angaben zu 'wissenschaftlichen Zwecken' weiter Jagd auf die Meeressäuger macht. Während 1946 die IWC (International Whaling Commission) gegründet wurde, um weltweit die Walbestände 'angemessen und wirksam zu erhalten und erschließen', macht sich Japan bereits seit einer ganzen Weile nicht nur bei Tierschutzorganisationen unbeliebt. Nippon unterstreicht dabei, dass es, im Hinblick auf die Zunahme der Weltbevölkerung, eine führende Rolle bei der Erhaltung und Bewirtschaftung der Nahrungsmittelressourcen aus dem Meer übernehmen möchte und sieht den Walfang als eine Maßnahme zur Lösung des Nahrungsmittelproblems. Das Land will dabei 'nur die in ausreichenden Beständen vorhandenen Walarten nutzen'.


Nun ist es ja so, dass in verschiedenen Regionen eben auch verschiedene Essgewohnheiten und Esskulturen gelebt werden. Und diese sind oft für Aussenstehende nur schwer verständlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Japan in japanischen Gewässern Jagd auf Wale gemacht, um die Not leidende Bevölkerung zu versorgen. An einem derart großen Tier ist natürlich auch viel dran, das ist wohl wahr. Mein Japanischlehrer an der Universität erzählte mir auch, dass das Kantinenessen in der Schule sehr häufig Walfleisch auf dem Speiseplan hatte. Mittlerweile ist der Verzehr weitaus weniger beliebt und norwegische Einfuhren von Walfleisch werden u.a. wegen Überschusses abgelehnt.

Japan ist ein Inselstaat und die Beziehung zur Natur sowie zum Meer und seinen Bewohnern eine sehr eigene. Trotzdem scheint es uns Deutschen sonderbar.


Aber warum wird der Wal überhaupt derart respektiert und geschützt?


Im Jahre 1758 wurde der Wal durch den Naturforscher Carl von Linné den Säugetieren zugeordnet - er ist also ein "Meeressäuger" (ein wasserlebendes Säugetier). Die Embryonalentwicklung findet im Körper des Muttertieres statt. Bekannt ist ausserdem, dass Wale, im Vergleich zu anderen Meerestieren, ein komplexes Sozialverhalten zeigen und daher als intelligent gelten. Ihr Gehirn ist Untersuchungen nach relativ groß, aber einfacher gebaut als das anderer Säugetiere an Land.

Zudem misst der Blauwal, als das größte bekannte Tier der Erdgeschichte, eine Länge von bis zu 33 Metern und kann bis zu 200 Tonnen schwer werden. Beeindruckende Zahlen. Sind das wohl Gründe?


Ich glaube, man muss ein Stückchen zurück in die Geschichte blicken, um zu schauen, wer da eigentlich alles so mitgemischt hat bei der Jagd auf diese Meeresriesen.

Und hups! Ich lerne, dass meine eigenen Landsmänner in Bezug auf Walfang richtig blutige Hände haben...

Während der Fang von Walen allgemein wohl bereits vor 7000 Jahren praktiziert wurde, tritt Deutschland im 17. Jahrhundert aktiv mit auf die Bildfläche. Seeleute aus Norddeutschland brachen auf zur "Grönlandfahrt" und brachten Waltran mit, welcher derzeit vorwiegend als Lampenöl gebraucht wurde. Deutschland machte sich ausserdem 1863 mit seiner Konstruktion "Harpunenkanone" auf internationalen Walfangdampfern einen Namen. Durch das deutsche Geschoss konnten die Tiere schneller getötet werden.


Erst später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, landete der Tran in Waschmitteln und als Margarine ("Butter des kleinen Mannes") auf deutschen Tischen. Die Schließung der sogenannten "Fettlücke" (Fettversorgungskrise nach dem Ersten Weltkrieg) durch die Nationalsozialisten bekam politisches Gewicht und verringerte die Auslandsabhängigkeit bei der Versorgung mit wichtigen Handelsgütern. Walöl wurde z.B. für Schmieröl, Glyzerin, Seife, Margarine oder Linoleum genutzt.


Deutschland war in den 1930er Jahren zwischenzeitlich tatsächlich die drittgrößte Walfangnation der Welt. Es wurden 18 000 Tiere von Deutschen getötet und erst mit Beginn des Zweiten Weltkrieges die Walfangschiffe für das Militär beschlagnahmt.

Im Potsdamer Abkommen wurde 1945 dann das Verbot des Deutschen Walfangs geregelt und 1956 die "Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft" aufgelöst. Sind dadurch die Deutschen von ihrer Schuld befreit? Wohl nicht. Und die Japaner stehen für mich zugegebenermaßen durch die mir bisher unbekannte dunkle Seite meines Herkunftlandes auch in keinem besseren Licht.


Was ich auf jeden Fall sehe, ist: Jede Nation hat ihr Päckchen zu tragen - und aufzuarbeiten. Und: Wie schön, dass Lampenöle und Schmierfette heute vegan hergestellt werden können!

Ich möchte noch immer kein Walfleisch essen. Vielleicht ist das auch einfach emotional bedingt. Schon als Kind war die Greenpeace-Kampagne "Save the whales" sehr präsent für mich und ich bin eindeutig keine leidenschaftliche Fleischesserin, sondern ziehe es vor, Leben zu respektieren.



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  • annasasaki9

Ich sehe mich eindeutig als feinsinnigen Menschen mit einer sehr sensiblen Nase an. Wenn es nach Feuer riecht oder eines der Kinder gepupst hat - ich bin die Erste, die es vernimmt. Nachdem ich jedoch vergebens in Ishinomaki nach einer Arbeit in Teilzeit mit internationalem Bezug gesucht habe, bin ich durch die Vermittlung der Schwester meines Mannes in einer Fabrik für Tauchanzüge gelandet.


Was für ein Hammer! Mein erster Fabrikjob. Der geringste Stundenlohn meines Lebens. Die skurrilste Arbeit in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn.


(Wetsuits zum Trocknen in der Sonne; mein Fahrrad mit Kinderanhänger)



Bisher hatte ich mich als Akademikerin doch eher in etablierten Unternehmen und Institutionen herumgetrieben. Nun war aber Handeln angesagt, denn ab April musste ich eine Anstellung vorweisen können, damit die Kinder im Hort aufgenommen werden.


Alle Formalitäten waren mit der neuen Arbeit also erfüllt. Arbeit von 9 - 16 Uhr und genau darauf getaktete Kinderbetreuung. Eine Wohnung hatten wir im gleichen Ortsteil bezogen und so konnte ich prima die Wege mit dem Fahrrad erledigen. Wohnung - Kinderhort - Arbeit - Kinderhort - Wohnung. Das lief gut. Auch an Regentagen haben wir das problemlos hinbekommen, da die Wege wirklich keine große Entfernung dargestellt haben. Optimal auch für die Zeit der Eingewöhnung im Hort, wo die Kinder ja doch durch die geballte Ladung neuer Bazillen anfangs schnell krank werden.


So bin ich - stets mit Schürze gekleidet (für mich neu, aber Dresscode in der Fabrik und letztendlich sehr sinnvoll zum Schutz der Privatkleidung) und Maske im Gesicht - die letzten 5 Monate zum Dienst gegangen.


In dem Betrieb werden, wie bereits erwähnt, Tauchanzüge hergestellt. Genauer gesagt Wetsuits aus Neoprenschaum. Außerdem werden Materialreste zu Accessoires wie z.B. Flaschenhaltern oder Münzetuis weiterverarbeitet. Ein gewisser Nachhaltigkeitsaspekt schmückt das Unternehmen neben all den Chemikalien also doch.

Da im April die COVID-19-Pandemie bereits in vollem Gange war, hat der Betrieb, wie so viele in der Textilbranche, fix reagiert und die Nähmaschinen nun auch Mund-Nasen-Masken nähen lassen. Tatsächlich sind neben Modellen aus Badeanzugstoff (Polyamid-Elasthan-Gemisch) und Polyesterwebstoffen auch welche aus Neoprenschaum im Sortiment.


In so einer Fabrik fallen ungeahnte Tätigkeiten und Arbeitsschritte an. Es gab also Wochen, in denen ich stets an der Schneidemaschine stand, was meiner Körperstatur sehr entgegen kommt. Meine japanischen Kolleginnen mussten sich durchweg ein Podest zur Hilfe holen, um die Maschine bedienen zu können. Dann gab es Zeiten, in denen ich wochenlang nur Nähte per Hand verknotet habe. Zwischenzeitlich habe ich auch eine Weile mit Verkleben der Tauchanzug-Teile verbracht, aber da mir durch die starken Dämpfe von Verdünner und Kleber so dermaßen schlecht wurde, der Kopf schmerzte und die Lungen brannten, konnte ich fortan diese Sektion meiden.


(Fäden, Fäden, Fäden und die Fadenschere)



In den letzten Monaten dann habe ich wohl überwiegend damit verbracht, überschüssige Fäden bei der Maskenproduktion zu schneiden. Bei dem aktuellen Modell fallen 8 Näh-Schritte an. Und damit eine Näherin effektiver ist, werden zwischen den Schritten eben die Fäden von einer weiteren Person abgeschnitten. Ein irres Gefühl, wenn man 6 Stunden lang nur Fäden abschneidet... Aber die Gedanken bleiben frei und man kann sich auf die Geräuschkulisse besinnen: Surren und Rattern, Hämmern, Stanzen, Dampfpresse, J-Pop aus den Lautsprechern... Und dann diese Gerüche: Gummi, Verdünner, Neoprenschaum, Klebstoff. Da konnte mir meine Kollegin tagtäglich mit ihrem ebenso aufdringlich riechenden Parfum nur ein Lächeln auf die Lippen zaubern, was mich an meine Teenie-Zeit erinnerte, wo alle Mitschülerinnen nach dem Sportunterricht in der Umkleide ihr 8x4 Deo versprüht haben - was für eine Geruchsexplosion!


Nun habe ich wieder ein neues Leben im Bauch und mich von dieser Arbeit getrennt. Das ist mit all den Lösungsmitteldämpfen doch ein zu großes gesundheitliches Risiko. Ich denke meine Schwiegermutter liegt ganz richtig damit, wenn sie sagt, dass das Baby mich wohl aus diesem Job gerettet hat.



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