• annasasaki9

Der zarte Riese - zum Verzehr?


Neulich hatte ich ein sehr befremdliches Gefühl. Ich war Lebensmittel einkaufen in einem Supermarkt. Gleich am Eingang waren Konserven mit Walfleisch aufgetürmt. Walfleisch???

235 g Walfleisch, gewürzt mit Zucker, Ingwer und Sojasauce. Für 360 Yen (ca. € 2,90). Das hat in meiner deutschen Brust viel Unmut ausgelöst und ich musste dieses Gefühl erst einmal sacken lassen.


(Konserven mit Walfleisch im Supermarkt)


Japan wird schon lange für seinen Walfang international kritisch beäugt, da es nach eigenen Angaben zu 'wissenschaftlichen Zwecken' weiter Jagd auf die Meeressäuger macht. Während 1946 die IWC (International Whaling Commission) gegründet wurde, um weltweit die Walbestände 'angemessen und wirksam zu erhalten und erschließen', macht sich Japan bereits seit einer ganzen Weile nicht nur bei Tierschutzorganisationen unbeliebt. Nippon unterstreicht dabei, dass es, im Hinblick auf die Zunahme der Weltbevölkerung, eine führende Rolle bei der Erhaltung und Bewirtschaftung der Nahrungsmittelressourcen aus dem Meer übernehmen möchte und sieht den Walfang als eine Maßnahme zur Lösung des Nahrungsmittelproblems. Das Land will dabei 'nur die in ausreichenden Beständen vorhandenen Walarten nutzen'.


Nun ist es ja so, dass in verschiedenen Regionen eben auch verschiedene Essgewohnheiten und Esskulturen gelebt werden. Und diese sind oft für Aussenstehende nur schwer verständlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Japan in japanischen Gewässern Jagd auf Wale gemacht, um die Not leidende Bevölkerung zu versorgen. An einem derart großen Tier ist natürlich auch viel dran, das ist wohl wahr. Mein Japanischlehrer an der Universität erzählte mir auch, dass das Kantinenessen in der Schule sehr häufig Walfleisch auf dem Speiseplan hatte. Mittlerweile ist der Verzehr weitaus weniger beliebt und norwegische Einfuhren von Walfleisch werden u.a. wegen Überschusses abgelehnt.

Japan ist ein Inselstaat und die Beziehung zur Natur sowie zum Meer und seinen Bewohnern eine sehr eigene. Trotzdem scheint es uns Deutschen sonderbar.


Aber warum wird der Wal überhaupt derart respektiert und geschützt?


Im Jahre 1758 wurde der Wal durch den Naturforscher Carl von Linné den Säugetieren zugeordnet - er ist also ein "Meeressäuger" (ein wasserlebendes Säugetier). Die Embryonalentwicklung findet im Körper des Muttertieres statt. Bekannt ist ausserdem, dass Wale, im Vergleich zu anderen Meerestieren, ein komplexes Sozialverhalten zeigen und daher als intelligent gelten. Ihr Gehirn ist Untersuchungen nach relativ groß, aber einfacher gebaut als das anderer Säugetiere an Land.

Zudem misst der Blauwal, als das größte bekannte Tier der Erdgeschichte, eine Länge von bis zu 33 Metern und kann bis zu 200 Tonnen schwer werden. Beeindruckende Zahlen. Sind das wohl Gründe?


Ich glaube, man muss ein Stückchen zurück in die Geschichte blicken, um zu schauen, wer da eigentlich alles so mitgemischt hat bei der Jagd auf diese Meeresriesen.

Und hups! Ich lerne, dass meine eigenen Landsmänner in Bezug auf Walfang richtig blutige Hände haben...

Während der Fang von Walen allgemein wohl bereits vor 7000 Jahren praktiziert wurde, tritt Deutschland im 17. Jahrhundert aktiv mit auf die Bildfläche. Seeleute aus Norddeutschland brachen auf zur "Grönlandfahrt" und brachten Waltran mit, welcher derzeit vorwiegend als Lampenöl gebraucht wurde. Deutschland machte sich ausserdem 1863 mit seiner Konstruktion "Harpunenkanone" auf internationalen Walfangdampfern einen Namen. Durch das deutsche Geschoss konnten die Tiere schneller getötet werden.


Erst später, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, landete der Tran in Waschmitteln und als Margarine ("Butter des kleinen Mannes") auf deutschen Tischen. Die Schließung der sogenannten "Fettlücke" (Fettversorgungskrise nach dem Ersten Weltkrieg) durch die Nationalsozialisten bekam politisches Gewicht und verringerte die Auslandsabhängigkeit bei der Versorgung mit wichtigen Handelsgütern. Walöl wurde z.B. für Schmieröl, Glyzerin, Seife, Margarine oder Linoleum genutzt.


Deutschland war in den 1930er Jahren zwischenzeitlich tatsächlich die drittgrößte Walfangnation der Welt. Es wurden 18 000 Tiere von Deutschen getötet und erst mit Beginn des Zweiten Weltkrieges die Walfangschiffe für das Militär beschlagnahmt.

Im Potsdamer Abkommen wurde 1945 dann das Verbot des Deutschen Walfangs geregelt und 1956 die "Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft" aufgelöst. Sind dadurch die Deutschen von ihrer Schuld befreit? Wohl nicht. Und die Japaner stehen für mich zugegebenermaßen durch die mir bisher unbekannte dunkle Seite meines Herkunftlandes auch in keinem besseren Licht.


Was ich auf jeden Fall sehe, ist: Jede Nation hat ihr Päckchen zu tragen - und aufzuarbeiten. Und: Wie schön, dass Lampenöle und Schmierfette heute vegan hergestellt werden können!

Ich möchte noch immer kein Walfleisch essen. Vielleicht ist das auch einfach emotional bedingt. Schon als Kind war die Greenpeace-Kampagne "Save the whales" sehr präsent für mich und ich bin eindeutig keine leidenschaftliche Fleischesserin, sondern ziehe es vor, Leben zu respektieren.



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