• annasasaki9

Kinderbetreuung in Japan

Aktualisiert: 23. Okt 2020


Uniform, Anmeldung, Tagesablauf, Ausstattung, Einrichtungsformen... es gibt so Einiges,

mit dem man sich auseinandersetzen muss, wenn man sein Kind in die Betreuung gibt.


Ich möchte einen kleinen Einblick in Japan's Kinderbetreuung bis zum Schulbeginn geben, aus eigener Sicht. Ich finde es spannend, wie sich die Betreuungsformate in den Ländern unserer Welt unterscheiden. Meine große Schwester absolvierte nach dem Abitur ein Praktikum bei einer Kinderkrippe in Paris und erlebte da bereits einen kleinen Kulturschock. Aber nun zu Japan.


Das Kindergartenjahr beginnt im April, so wie auch Schule, Universität und Co. in Japan.

Bewerbung & Anmeldung erfolgen aber bereits im Oktober des Vorjahres. Nachdem ich die Blätterflut an Formularen gesichtet hatte, wurde mir der Grund für die Vorlaufzeit auch klar. Es lebe die Bürokratie!


(Uniformen nach der Wäsche)



Hoikuen vs. Yochien


Grundsätzlich muss man zwei Einrichtungstypen unterscheiden:

Hoikuen 保育園 (Kindertagesstätte/ Kinderhort) und Yochien (Kindergarten) 幼稚園.


Der Hoikuen wird über das MHLW (Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales) verwaltet und nimmt Kinder im Alter von 0 Jahren bis zum Vorschulalter auf.

Der Betreuungsschlüssel sieht so aus:

0-Jährige - 1 ErzieherIn für 3 Kinder / 1-2 Jährige - 1 ErzieherIn für 6 Kinder,

3-Jährige - 1 ErzieherIn für 20 Kinder / 4-Jährige - 1 ErzieherIn für 30 Kinder.


Mein Sohn ist somit in einer Gruppe von 12 Kindern mit 2 Erzieherinnen bestückt und meine Tochter in einer Gruppe von 25 Kindern mit 1 Erzieherin.

Die Basis-Betreuungszeit liegt bei 8 Stunden pro Tag (Montag - Freitag; in unserem Hort auch zusätzlich Samstagvormittag) und kann bei Bedarf verlängert werden. Es gibt keine Sommer- und Winterferien, gesetzliche Feiertage gelten aber natürlich auch hier.

Ein Hoikuen ist dazu verpflichtet, Mittagessen anzubieten.

Die Betreuungskosten für den Hoikuen sind einkommensabhängig und die Bezahlung erfolgt an die Stadt.


Der Yochien dagegen wird vom MEXT (Ministerium für Erziehung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie) verwaltet und es greifen andere Regelungen.

Den Yochien können Kinder im Alter von 3 Jahren bis zum Vorschulalter besuchen.

Der Betreuungsschlüssel sieht hier 1 ErzieherIn pro Gruppe à 35 Kinder vor.

Prinzipiell ist im Yochien nur eine tägliche Betreuungszeit von 4 Stunden (Montag - Freitag) vorgesehen, wobei eine weitere Betreuung gegen Aufpreis möglich ist. Sommer- und Winterferien sind Schließzeiten.

Mittagessen ist im Yochien optional (Eltern müssen meist ein Lunchpaket mitgeben). Die Betreuungskosten werden pauschal von der Einrichtung selbst aufgestellt und müssen von den Eltern auch direkt an sie entrichtet werden. Fördergelder für einkommensschwache Familien sind möglich.


Die Modelle unterscheiden sich also maßgeblich und für berufstätige Eltern ist der Hoikuen eindeutig die realistischere Wahl. Ich habe jedoch bereits mehrfach gehört, dass Betreuung und Programm im Yochien etwas individueller ablaufen und den Kindern mehr Freiheit bieten. Außerdem haben die Yochien-Kinder meist eine schicke Uniform und einen Kindergartenbus zum Pendeln.


In Deutschland ist unsere Tochter anfangs in eine Tagespflege gegangen, später in die Waldgruppe eines Naturkindergartens. Feuer machen und Schnitzen ist jetzt erst einmal passé. Unsere Kinder besuchen nun einen Hoikuen (Kindertagesstätte/ Kinderhort).


Anfangs wird man mit einem detaillierten Katalog 入園のしおり von der Kita ausgestattet, der auch ausführlichst studiert werden muss. Von den pädagogischen Grundlagen über das Jahresprogramm oder Parkregelungen bis hin zur Ausstattung aller Kinder.



Vorbereitung ist alles


Die erste große Herausforderung war für mich persönlich eindeutig die Vorbereitung. Die Liste an Dingen, mit denen die Kinder ausgestattet werden müssen, ist so lang, dass ich wirklich staunen musste. Größtenteils mussten die Dinge neu gekauft (Equipment sollte im Format einheitlich sein) und auch einiges selbst genäht werden. Natürlich kann man auch geschmacklose Beutel mit den Standard-Charakteren von Disney & Co. fertig kaufen, dann kann man sich die Nähaktion sparen. Ich nähe jedoch gerne und hatte Freude daran.


Hier ein kurzer Abriss über das Equipment:

- Rucksack mit Besteckset, Zahnputzset, Handtuch, Trinkflasche, Stofftaschentuch,

gegebenenfalls Windeln und Lätzchen (Stoffbeutel für alles)

- Wechselkleidung, Indoor-Schuhe, Plastikbeutel, Feuchttücher, Tissueboxen,

Vinylhandschuhe, Putzlappen

- Pyjama, Matratze, Matratzenauflage, Decke (Stoffbeutel für alles)

Über die Kita zu bestellen:

- Uniform (kurze und lange Hosen, Kurzarmshirt und Langarmshirt, Kittel)

- Sonnenhut, Transporttasche, Kontaktbuch, Kopfschutzkissen, Box mit Knete,

Zeichenblöcke, Stifte, Kreide, Kleber, Schere, Mappe, Springseil)


Alle Utensilien (jeder einzelne Stift!) müssen mit Vor- und Nachnamen des Kindes beschriftet werden. An den vorgesehenen Stellen. In diesem Hort gibt es garantiert keine Streitigkeiten zum Thema "Das ist aber meins!" und ich kann jetzt Schönschrift.😊


(Ausstattung für die Kita; Katalog mit Vorgaben)



Der Tagesablauf in unserer KiTa ist wie folgt:

🕘 (Bringzeit bis 9 Uhr; die erste Zeit gilt für die Kleinen, daher früher)

9:00 Morgenkreis

Snack für bis 3-Jährige (meist Reiscracker)

Beschäftigung nach Programm

Händewaschen, Gurgeln

11:00 / 11:30 Mittagessen

Zähneputzen, Umziehen

12:30 / 13:00 Mittagschlaf

15:00 Aufstehen, Umziehen

Händewaschen, Gurgeln

Nachmittagssnack (meist Reiscracker und Saft/ Milch/ Sojadrink)

Abschiedskreis

16:00 Freies Spiel


Der Hort ist von 7 bis 19 Uhr geöffnet, Kernzeiten sind aber 8:30 bis 16:30 Uhr.

Das mehrmalige Händewaschen und Gurgeln ist zum Piepen, nicht? In Corona-Zeiten auch nochmal begrüßenswert.


Die Beschäftigungen weichen von den regulären deutschen Kindertagesstätten nicht groß ab. Kinder dürfen Kinder sein und das Spielen und Lernen steht an erster Stelle. Es wird immer mal wieder gekocht oder gegärtnert, getobt und gebastelt. Wenn ich den Hort betrete, finde ich es immer sehr laut, da die Räumlichkeiten (nach deutschen Maßstäben) sehr klein sind, aber um so mehr kann ich den manchmal etwas militärisch wirkenden Drill nachvollziehen. Es gibt einen Außenbereich mit Spiel- und Klettergeräten, Sandkasten, Matschkasten, Sportplatz, Beete (die von den Kindern mit bewirtschaftet werden) und auch einen kleinen Baumbestand.


Das Mittagessen 給食 bietet täglich wechselnde Gerichte und besteht stets aus

Reis (von zu Hause mitgebracht), einer Hauptspeise (Fisch oder Fleisch), Suppe, Salat und Dessert. Das Essen wird in der internen Küche zubereitet und von den Kindern im Wechsel お当番さん verteilt und abgeräumt. Meine Tochter hat diesen Dienst sehr gerne und putzt danach auch noch mit ihrem Team den Gruppenraum. Es sind immer drei "diensthabende" Kinder und sie scheinen ihre Aufgabe mit Gewissenhaftigkeit und Freude zu erfüllen.


Bevor die Kleinsten das Mittagessen komplett gereicht bekommen, müssen die Eltern die "Mampfliste" もぐもぐ表 abarbeiten. Es handelt sich um eine äußerst umfangreiche Liste, die die Beikost des eigenen Kindes dokumentiert. Man muss dann die einzelnen Sparten (Nudelsorten, Öle, Getreide, Bohnensorten, Wurzelgemüse, Nüsse, Fischarten, Gewürze, Algen, Fleisch, Eier, Milchprodukte, Gemüse, Obst, Süßigkeiten, Getränke) mit Datum versehen abhaken. Ich muss zugeben, dass ich dies doch etwas lockerer gehandhabt habe. Schon allein aus den Gründen, dass ich keine Leber kochen möchte oder gewisse Süßigkeiten nicht im Haus haben will.


Feste im Laufe des Kitajahres sind z.B. die Eintrittsfeier, Kindertag, Sternenfest, Sommerfest, Sportfest, Weihnachtsfeier, Neujahrsfeier, Puppenfest, Abschlussfeier... In diesem Jahr ist jedoch durch COVID-19 jegliche Veranstaltung abgesagt worden.


Was ich als sehr schön empfinde ist die Art und Weise der Gestaltung der Bastelprojekte. Da liegt Japan einfach ganz weit vorn. Zum Mutter- und Vatertag gibt es nette Werke der Kinder und auch zum "Tag der Ehrerbietung der Alten" werden die Großeltern beschenkt. Das wird wirklich sehr mit Liebe zum Detail gemacht.


(Basteln und Malen im japanischen Hort)



Im Hort wird großen Wert auf die Kommunikation zwischen Einrichtung und Eltern gelegt.

Es gibt ein, ich nenne es "Kontaktbuch", das von den Kindern täglich mitgeführt wird.

Für unseren jüngeren Sohn wird täglich ein Eintrag mit folgenden Angaben gefordert: Allgemeinzustand Kind, Körpertemperatur, Schlaf- und Aufstehzeit, Zeit und Zustand Stuhlgang am Morgen, Zeit und Inhalt Frühstück, Nachricht über Aktivität oder aktuelle Fragen/ Erlerntes/ Probleme. Dasselbe wird dann von der Bezugserzieherin auch ausgefüllt. Jeden Tag. Bei meiner älteren Tochter gibt es nur bedarfsweise Einträge und sonst lediglich einen Sticker, der bei Ankunft im Hort selbst eingeklebt wird. So weiß man immer was los ist, hat aber doch immer an den Eintrag zu denken. 🤓

Jeden Monat erhalten wir von der jeweiligen Bezugserzieherin einen Elternbrief, der über die Aktivitäten der Gruppe im vergangenen Monat berichtet und auf Kommendes hinweist.

Es wird sich liebevoll gekümmert und das braucht das Mutterherz. Auch die Uniformen sind mit Namen auf der Brust versehen, so dass alle ErzieherInnen des Horts die Kinder mit Namen ansprechen und grüßen.


Was sicherlich "japanisch" für die Kinder und mich ist, ist das monatliche Katastrophentraining. Da es in Japan sehr häufig Erdbeben und Taifune gibt, werden die Auseinandersetzung und der Umgang mit Ausnahmesituationen geschult und trainiert. Alle Kinder haben deshalb auch für den Notfall ein Kopfschutzkissen.

Meine Kinder sind eindeutig gelassener als ich selbst, wenn die Erde bebt. Vielleicht sollte ich mich auch mal heimlich in das Training mit hineinschmuggeln.


Was noch neu für uns war ist die Uniform. Das ist in anderen Hoikuen nicht gang und gäbe. Sie besteht aus Hose und Shirt, kurz oder lang je nach Jahreszeit. Gehalten ist sie in grün-weiß. Größtenteils leider aus Polyester. Ich musste mich wirklich an diesen Dresscode gewöhnen und anfangs den Kopf schütteln. Mittlerweile erscheint mir die Uniform in ihrem Retro-Design schon etwas fancy und es ist praktisch, nicht so viel weitere Kleidung für die Kinder zu benötigen. Denn in der Woche steht das Outfit ja fest. Umso mehr freut sich meine Tochter darauf, am Wochenende einfach ein Kleid zu tragen oder auch in ihr Ballerina- oder Ninjakostüm zu schlüpfen.


(Uniform und Ninja-Kostüm)



Meine Kinder gehen liebend gern in ihre Kita - meine Tochter in die Apfel-Gruppe, mein Sohn zu den Clementinen. Und wenn ich sie abhole kommen sie mir freudestrahlend entgegen gelaufen. Ich denke so sollte das sein.












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