• annasasaki9

Schwanger in Japan - Teil I in Rosa



Meine bisherigen Schwangerschaften habe ich in Deutschland erlebt. Diese Erfahrung nun erneut, nur eben in Japan, machen zu dürfen, eröffnet mir noch einmal ganz andere Perspektiven. Ich muss gleich sagen, dass ich persönlich die Schwangerenbetreuung in Japan als sehr anders als in Deutschland empfinde. Aber das macht den Reiz des Lebens im Auslands wahrscheinlich auch aus und sorgt letztendlich für ein breites Erfahrungsspektrum.



(Rosa ist die Farbe der Stunde)



Bei meinem Gynäkologen ist die Praxis vorwiegend in zarten Rosatönen gehalten. Vom Slipper bis zum Untersuchungsvorhang. Außerdem läuft neben dem Fernseher im Wartezimmer noch Spieluhr - Musik. Das kenne ich sonst auch vom Kinderarzt (dort tragen die Schwestern sogar rosafarbene Kittel, Schuhe und Häubchen - spitze!!!).

Eine beruhigende Wirkung soll die Musik wohl versprühen. Für mich funktioniert das ganz gut.


Der Beginn läuft sehr ähnlich wie in Deutschland ab. Nachdem man sich über einen positiven Schwangerschaftstest gefreut hat, lässt man sich die Schwangerschaft beim Gynäkologen bestätigen - per Urintest und Ultraschall. Die Kosten trägt man aber zuerst einmal selbst. Das gleiche gilt für mögliche Zusatzuntersuchungen wie Feindiagnostik oder den NIPT - gleich welcher Vorgeschichte.


"Warum sind sie barfuß?" oder "Kennen sie so einen Vorhang etwa nicht?" fragte mich mein Frauenarzt erstaunt. Im Hochsommer empfand ich es als sehr unhygienisch und heiß, in die "Slipper", wie man die Hausschuhe hier nennt, zu schlüpfen. In Japan betritt man nämlich keine Arztpraxis mit Straßenschuhen, sondern wechselt eben in die Slipper. Jetzt wo es kühler wird, kann ich mich auch darauf einlassen - mit Socken. :)

Während man auf dem Untersuchungsstuhl sitzt, sieht man nichts als einen rosafarbenen Vorhang. Keine Chance, dass man mit dem Arzt kommunizieren oder gar die Untersuchung mit den Augen verfolgen könnte. Auch für mich ist eine gynäkologische Untersuchung mit etwas Scham verbunden, schließlich offenbart man sein Geschlecht. Aber sich hinter einem Vorhang zu verstecken erscheint mir doch sehr verklemmt und fehl am Platze.

Bei mir wird nun der Vorhang seit meinem zweiten Besuch zur Seite gelassen, da der Arzt entschieden hat, dass ich es doch so haben sollte, wie ich es gewohnt bin - mit Augenkontakt. Nicht schlecht für einen Gynäkologen der "Alten Schule", wie ich finde!


Anders als in Deutschland erhält man keinen Mutterpass beim Frauenarzt. Nachdem die Schwangerschaft vom Gynäkologen bestätigt wurde, geht man zum Rathaus, um die Schwangerschaft zu melden. Daraufhin erhält man:


- Mutter-Kind-Pass 母子手帳

(entspricht Mutterpass + Untersuchungsheft Kinderarzt + Impfpass; also sehr

kompakt; in Ishinomaki mit Hase Miffy auf dem Cover)

- Couponheft 母子健康手帳別皿

(Couponbögen, die für die regulären Vorsorgeuntersuchungen ab SSW 12

bis zur Untersuchung des Kindes nach 8-9 Lebensmonaten greifen; 1 x kostenlose

Zahnarztuntersuchung)

- Infopakete und Werbung

- ein 50er - Paket Mund-Nasen-Schutzmasken (wir leben in Zeiten von Corona!)


(Mutterpass & Couponheft)



Nach dem Eintritt des 4. Monats, der sogenannten stabilen Phase (安定期) , wurde mir eine rechtzeitige Anmeldung zur Entbindung nahe gelegt. Tatsächlich hat mein Gynäkologe auch eine Entbindungs- und Wochenbettstation über seiner Praxis. Nachdem ich diese jedoch besichtigt hatte, habe ich mich schnell für eine andere Location entschieden. Denn hier ist es wirklich sehr "old school" und damit meine ich nicht nur das Interieur... Eine Schwester zeigte mir netterweise die Wochenbettstation und den Kreißsaal, da ich darauf gebrannt habe. Der Kreißsaal war für mich derart beklemmend, dass ich dort bestimmt einen Wehenstopp bekommen würde. Im Format, sagen wir mal 'sehr komprimiert' und ausgestattet mit feinstem 90er Equipment. Das dortige Gebärbett mit metallischen Fußstützen ist dort leider die einzige Auswahl zur Entbindung und nach der Geburt wird auch kein sofortiger Babykontakt gefördert. Oh weh! Es gibt schon seltsam verzopfte Menschen - dabei ist unser Schädel doch rund?!


Ich habe mich nun für eine Frauenklinik entschieden, in der auch meine Schwägerin entbunden hat. Dort macht es einen weitaus frischeren Eindruck. Und die Klinik ist ganz in der Nähe meiner Schwiegereltern gelegen, von denen ich eingeladen wurde, mich mit dem Neugeborenen nach der Entbindung eine Weile einzunisten. Dies bezeichnet man als 里帰り出産, Geburt in der Heimat.

Gemeint ist, dass man ab der 34. SSW die Untersuchungen im Krankenhaus in der Heimat

absolviert und das Wochenbett im Elternhaus verbringt (in meinem Fall sind die eigenen Eltern nun doch zu weit entfernt). So wird insbesondere die Mutter gepflegt und entlastet. Eine schöne Tradition, wie ich finde. Eine solche Unterstützung ist natürlich gerade auch willkommen, wenn es bereits weitere Kinder gibt - wie in unserem Fall.


Was ich weiterhin als einen sehr schönen Brauch während der Schwangerschaft in Japan empfinde, ist der Schreinbesuch 安産祈願 zum "Beten für eine leichte Geburt". Für unsere bisherigen Kinder haben wir dies mit Hilfe der Schwiegereltern machen können, da wir ja noch in Deutschland gelebt haben. In diesem Jahr konnten wir nun persönlich den Schrein besuchen und die Zeremonie begehen.

Der Schrein liegt im Heimatort meines Mannes und hat eine lange Tradition. Man bereitet einen Umschlag mit 5000 Yen (ca. € 40) vor und füllt eine Anmeldung aus. Umschlag und Anmeldeformular werden dann durch das Personal im Schrein bearbeitet und nach einer kurzen Wartezeit beginnt der Priester mit einer feierlichen Zeremonie. Wir hatten Glück und waren nur mit einem weiteren Elternpaar da, so war alles sehr persönlich. Meine Kinder haben das Zeremoniell auch sehr beeindruckt und geduldig mitverfolgt. Nach dem Ritual erhält man einen personalisierten Beutel mit diversen Glücksbringern, die dann im Laufe der Schwangerschaft und beim Einsetzen der Wehen verwendet werden können. Ich mag so etwas, selbst wenn ich mich nicht als besonders spirituell bezeichnen würde.


(Schreinbesuch für eine "leichte Geburt")



Hebammenbetreuung wie in Deutschland gibt es hier in Japan nicht. In Deutschland genießt man (bei Bedarf) eine umfassende Betreuung durch eine Hebamme während der gesamten Schwangerschaft bis 12 Wochen nach der Geburt und diese Leistung wird von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Ich finde das ein sehr tolles Angebot und hatte in Berlin auch das Glück, eine wundervolle Hebamme an meiner Seite zu haben. Man muss sich natürlich rechtzeitig darum kümmern, insbesondere, wenn man in einem geburtenreichen Stadtteil lebt. In Ishinomaki besteht dagegen lediglich die Möglichkeit, eine Hebammensprechstunde zu besuchen. Dabei dreht sich jedoch alles nur um die Brust. Es gibt auch die Möglichkeit, eine Hebamme per Telefon zu kontaktieren. Also eine sehr abgespeckte Variante und ziemlich unpersönlich.


Was die Ernährung während der Schwangerschaft angeht, so empfinde ich Japan als lockerer. Während man in Deutschland doch ziemlich stark darauf verwiesen wird, keine Rohmilch hier, kein roher Fisch da, Salat und Obst kann gefährlich werden, wenn nicht genug gewaschen... So wird man hier in Japan nicht schräg angeschaut, wenn man sich Sushi in den Mund schiebt. Das kommt mir ganz entgegen. Aber grundlegend gilt natürlich auch hier: Nährstoffreich und ausgeglichen essen.


Mein Resümee zur Schwangerschaft in Japan ist, dass man doch ziemlich allein auf sich gestellt ist. Die Ärzte sind noch wortkarger als ich das aus meiner Heimat kenne und nach einem Lächeln während der Untersuchungen suche ich nach wie vor vergeblich. Durch COVID-19 findet keinerlei Schwangerschaftsgymnastik o.ä. statt, so dass man auch mit anderen Schwangeren nicht in Kontakt kommt. Dabei sind die Corona-Fallzahlen mit bisher insgesamt 4 Erkrankten (nicht schwanger; bei einer Bevölkerung von ca. 141 000 Menschen) sehr gering. Zum Glück kann ich durch meine bisherigen Schwangerschaften in Deutschland schon aus einem reichen Erfahrungstopf schöpfen, aber so oder so ist es eben Ausland für mich hier.


In Deutschland mag vieles auf den ersten Blick nüchtern erscheinen, dennoch habe ich einen sehr herzlichen Umgang mit medizinischem Personal in der Schwangerschaft-Entbindung-Nachsorge-Zeit erlebt, mit viel Lachen und Empathie.

An keiner der Stationen hier (Gynäkologe, Rathaus) wurde mir zur Schwangerschaft gratuliert, auch wird für meinen Geschmack viel zu wenig wahrhaft gelächelt. Dabei ist eine Schwangerschaft doch etwas so Positives und mit Lebensenergie und Freude verbunden. Aber Japan ist eben Japan und Deutschland ist Deutschland.


Nun habe ich die Hälfte meiner Schwangerschaft in Japan hinter mir und blicke allen kommenden Abenteuern und Kulturunterschieden mit Neugier entgegen.





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